Als praktizierende Atemtherapeutin in Ravensburg mache ich immer wieder die Erfahrung, dass viele Menschen nur wenig über ihren Atem wissen. Häufig kommen sie erst durch Krankheiten oder Beschwerden – wie Bluthochdruck, Stress oder Herzprobleme – wieder in Kontakt mit sich selbst und ihrem Atem. Dabei ist der Atem ein zentraler Schlüssel für Gesundheit und Wohlbefinden.
Ein ausgeglichener Atemrhythmus aus Einatem, Ausatem und Atemruhe bringt das vegetative Nervensystem ins Gleichgewicht. Dadurch können Ruhe, innere Stabilität und Ausgeglichenheit entstehen. Der Atem wirkt direkt auf unser Nervensystem und ist damit eines der wirksamsten und zugleich einfachsten Mittel zur Selbstregulation.
Gerade in der kalten Jahreszeit ist bewusstes Atmen besonders wichtig: Es stärkt das Immunsystem und unterstützt die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers.
Gähnen und Seufzen sind elementare Bestandteile unseres Atemgeschehens und unseres Wohlbefindens – und werden dennoch häufig unterschätzt oder sogar unterdrückt.
Gähnen versorgt die Körperzellen, die Augen und das Gehirn mit frischem Sauerstoff. Dabei spannt sich die Muskulatur zunächst an und kann sich anschließend tief lösen. Ein kraftvolles Gähnen wirkt auf den gesamten Körper – von der Schädeldecke bis zu den Zehenspitzen. Es bezieht unter anderem die Schultern (Trapezius), die Augenmuskulatur (Musculus orbicularis oculi), den Nacken (Hals- und Nackenstrecker sowie -beuger) und die Bauchmuskulatur mit ein. Darüber hinaus kann Gähnen helfen, innere Spannungen zu lösen und negative Stimmungen positiv zu beeinflussen.
Auch das Seufzen hat eine wichtige physiologische Funktion. Forschende haben in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht, warum ein tiefer Seufzer nicht nur der Seele guttut, sondern auch für die Lunge essenziell ist. Die Erklärung liegt in der Struktur der Lungenflüssigkeit: Regelmäßiges Seufzen hilft dabei, feinste Lungenbläschen offen zu halten und die Lungenfunktion aufrechtzuerhalten.
Gähnen und Seufzen sind somit keine Zeichen von Müdigkeit oder Schwäche, sondern Ausdruck eines intelligenten, sich selbst regulierenden Körpers.
Es kann hilfreich sein, diesen meist unbewussten Atembewegungen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken – nicht als Technik oder Übung, sondern als Teil eines natürlichen Regulationsprozesses. Gähnen und Seufzen geben Hinweise darauf, wie der Organismus Spannung ausgleicht und zu einem stabileren Atemrhythmus findet.
